Franz Xaver Baier, Professor für Freies Gestalten an der FH München, stellt seinen Ansatz zur Raumwahrnehmung unter dem Aspekt des ‘gelebten Raumes’ dar.
…“Ein Experiment zum Raum Ein Mensch steht und schaut auf eine Wand – was ist Körper und was ist hier der Raum? Die Tatsache, dass der Mensch auf die Wand zugehen kann, beweißt, dass er einen Raum hat. Der eigene Raum eröffnet dem Menschen die Bewegungsfreiheit. Dieser dem Menschen zugehörige Raum ist veränderbar. Über äußere Einflüsse (Alkoholkonsum, Druck etc.) kann ein Mensch seinen Raum verlieren. Denn alles hat räumliche Wirkung.
Der Mensch ist an sich räumlich, sein Raum ist veränderlich und in Bewegung. Raum an sich gibt es nicht, zum Raum gehört immer eine Lebenswelt. Jedes Wesen erschließt sich die Welt anders. Wir leben in einem Raumpotential, das sich jedem entsprechend seinem Umgang anders erschließt.
Aspekte von Räumlichkeit: Raum ist löslich In Gemälden von Leonardo da Vinci werden die Personen in ihrer Umgebung dargestellt. Der Körper der Person stellt dabei eine Einheit mit dem Umfeld dar, er verbindet sich mit der Landschaft, in der er sich aufhält. Leonardo da Vinci stellt damit die ‘beseelte Umgebung’ dar, der Körper mit dem Raum, den er einnimmt. Landschaft wird zum eigenen Raum, wenn wir uns auf sie einlassen. Betrachten wir eine Landschaft, so entsteht primär ein Bild in unserer Wahrnehmung. Unsere Wahrnehmung bleibt zweidimensional, also nicht räumlich. Raum entsteht erst dann, wenn wir uns auch mit anderen Sinnen als dem Sehsinn auf ihn einlassen (- fühlen, spüren, tasten, schmecken; man ‚steht den Raum aus’). Über Aktionen (Picknick, Bergsteigen, Malen) können wir uns eine Landschaft erschließen. Die Art des Erschließens bestimmt, was wir in der Landschaft wahrnehmen. Erst wenn wir uns über unsere Herangehensweise bewusst werden, wird uns unsere Wahrnehmung verständlich.
Petrarca begründete den Begriff des ‘Landschaftsblickes’ und erschloss damit den Menschen die Möglichkeit, Landschaft wahrzunehmen. Vorher wurde Landschaft nur als Nutzungsraum erlebt. Die Weite der Landschaft bedeutete für Pertrarca ‘gottgleiches’, die Aneignung dieser Weite durch den Menschen war damit ein Tabu. Ob ein Raum innen oder außen erlebt wird hängt von der Durchwirkungsfähigkeit des Einzelnen ab.
Raum hat Format. Der Mensch kann unterschiedliche ‚Raumformate’ annehmen: Er kann den eigenen Raum auf seinen Körper begrenzen und die Umgebung als von sich getrennt erleben. Lässt sich der Mensch aber beispielsweise auf eine Landschaft ein, so wird die gesamte erlebte Weite zum eigenen Raum. Menschen, die einen weiten Raum einnehmen, können den Lebensbereich anderer Menschen umspannen und sind so in der Lage, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir einen Raum erschließen, verändert sich damit auch unser Menschsein. Die Raumqualität an sich ist dabei flexibel.
Raum offen halten Die Fähigkeit, einen Raum über die momentane Einschätzung der Situation offen halten zu können, kann entscheidend für eine Entwicklung sein. Wer einen offenen Raum halten kann, behält so die Möglichkeit, frei zu agieren. Die Siegesgöttin Nike von Samothrake ist ein Bild für diese Fähigkeit (Die Freiheitsstatue in New York steht in dieser Tradition). Nike fliegt den kämpfenden Truppen voraus, sie hält den Raum für den Sieg offen.
Raum hat Temperatur Ein Schlafzimmer zum Beispiel hat eine andere Raumqualität als eine Garage. Im Schlafzimmer korrespondieren die einzelnen Elemente miteinander, es entsteht ein ‘inniges’ Umfeld (umgesetzt in Malerei hieße dies intensive Farben zu betrachten). Die Garage hat gröbere Strukturen (blassere Farben). Der Ausspruch ‘Es geht heiß her’ beschreibt die Temperatur eines Raumes – alle Elemente sind miteinander im Austausch, der Austausch ist prophatisch (- Prophet, spontanes Sprechen der Wahrheit). Kühlt der Raum wieder ab, so erhöht sich auch der Abstand der Elemente, es entsteht Distanz.
Raum hat Tragweite. Räume können unterschiedlich große Tragweiten umspannen. So hat eine Kathedrale eine andere räumliche Tragweite als ein Einfamilienhaus. Die Kathedrale stellt den ‘universellen Raum’ dar – man geht in die Kathedrale, um den kosmischen Raum zu erleben. Das Einfamilienhaus ist ein lokal begrenzter Raum, er beherbergt eine Familie. Als ‘kosmisches Wesen’ hat der Mensch das Urbedürfnis nach einem größeren Rahmen, er möchte den weiten Raum erleben. Der Lebensraum des Menschen kann verschiedene Formate umspannen: Über den Kosmos als universellen Raum erleben wir Natur, Geschichte und Gesellschaft als übergeordnete ‘Makrosituation’; die zeitgenössische Situation als Mesosituation, bis hin zur Mikrosituation zwischen zwei Individuen. Wir haben die Wahl, unsere Handlungen auf einen größeren Raum auszudehnen (in einen größeren Kontext zu stellen), oder auf einen kleinen (unmittelbaren) Raum.
Raum entsteht zwischen Elementen Der Aufbau von Räumen wird bestimmt über die Beziehung der einzelnen Elemente. Dabei ist die Beziehung von zwei Elementen mehr als ihr Abstand zueinander, sie stellt vielmehr ein Spektrum dar. Je nachdem, wie Beziehungen und Verhalten der Elemente zueinander sind, wird der Zwischenraum anders wahrgenommen. Beispiel eines inszenierten ‘Zwischenraumes’ ist die Schirm-Skulptur von ‘Christo’. Die Schirme spannen einen Raum zwischen zwei Kontinenten auf, aber auch zwischen Himmel und Erde. Dabei stellt der Schirm selbst die Urform der Behausung dar. In dem Museum von Libeskind in Osnabrück wird der Zwischenraum inszeniert. Die Architektur legt ihre Betonung hier auf den Raum, nicht auf den Körper. Wenn wir in unserer Betrachtung den Raum thematisieren, werden wir einen anderen Umgang mit den Objekten finden, als wenn wir die einzelnen Elemente im Raum thematisieren. Die Objekte, welche Raum ermöglichen stehen in raumhaltigen Beziehungen zueinander.
Beispiele von raumbildender Architektur: Fassaden werden z.B. mit Bildern verschmolzen (Riccola-Gebäude von Herzog/de Meuron) oder als rohe, offene Flächen der Umgebung ausgesetzt (Tadao Ando). Die Wände werden so ‘raumlöslich’, sie bringen den Raum ins Schwingen. In der Villa Dall ‘Ava, St.Cloud, Paris von Rem Koolhaas werden die Stützen des Daches schräg angeordnet und wirken damit unstabil. So wird die Umgebung einbezogen ( es entsteht beim Besucher der Eindruck des sich Fallenlassens). Der Architekt entwickelt einen großen Raum. Das Ferienhaus von Corbusier ist minimiert, die umgebende Landschaft steht im Kontext zum Gebäude und stellt den eigentlichen Raum dar. Das Haus steht in direkter Beziehung zu seiner Umgebung, die Landschaft ist hier das ‘größere Haus’ – ‘Ein Haus im Haus’.
Ein österreichischer Beitrag auf der Biennale in Venedig. Er besteht aus einem verwilderten Stück Garten mit Tümpel und dem Schild: ‘Keine Kunst’. Das Kunstwerk ist gestaltet, wirkt aber wie nicht gestaltet – so hat es eine befreiende Wirkung auf den Betrachter. Es wirkt veränderbar und damit aneigenbar. Das Kunstwerk betont das raumlösliche, der Besucher geht aus der Betrachterperspektive heraus. Teil des österreichischen Beitrags auf der Biennale in Venedig 2001Architektur bedingt, dass auch Elementarereignisse (z.B. offenes Feuer) zugelassen werden. Auch Elemente, die ältere und tiefere Schichten des Lebens ansprechen. Durch unsere Ontogenese haben wir auch mineralische, vegetabile und tierische Strukturen. Damit sind verbunden Wucht, Kraft, Vitalität, Verflechtung, Sympathisieren mit der Natur im weitesten Sinne. Auch rohe Sachen, Unvollkommenheit, Gebrauchs- und Lebensspuren sind wichtig, um Raum zu entfalten. Architektur ist dort, wo man ein Stück Leben ermöglicht. (Louis Kahn) Zitat Zumthor: ‘Ich möchte Räume schaffen, die etwas ermöglichen.’ Auszüge aus dem Gespräch
- Die Unterscheidung zwischen Tiefenästhetik und Oberflächenästhetik wird im Vortrag über die Art der Wahrnehmung definiert: Oberflächenästhetik – der Wahrnehmende bleibt außen vor, ist Betrachter. Man reduziert sich auf das Sehen der Bilder, bekommt so einen schnellen Überblick. Tiefenästhetik – Man merkt, dass Dinge wirken, lässt sich ein. Diese Art der Wahrnehmung benötigt mehr Zeit.
- Der Wechsel des Herangehens vom ganzheitlichen Erleber zum Sehenden lässt sich ablesen durch die Annäherung der Architekten an die bildende Kunst. Früher bezog sich der Architekt vielfach auf die Bildhauerei, mit der Romantik näherte er sich vor allem der Malerei.
(LEIDER! anm. von mir) Im heutigen Verständnis von Architektur wird das Haus als begehbares Element betrachtet, der Planer bleibt in einer distanzierten Haltung. Er stellt sich damit in die Rolle des Gelehrten, der die Situation aus dem Überblick betrachtet aber sich nicht auf sie einlässt. Die Räume werden ’sehend’ und damit zweidimensional wahrgenommen. Die Distanz entsteht durch die Unmöglichkeit, die Situation zu verändern, obgleich das Bedürfnis danach besteht. Der Besucher bleibt in seiner räumlichen Wahrnehmung beschränkt auf den eigenen Körper, er muss ‘bei sich bleiben’. Damit geht die Elastizität, verschieden große Räume zu begreifen, verloren.
In der heutigen Stadt wird der Körper das planungsrelevante Format für die Dimensionierung von Räumen (im Auto, in der 1-Raumwohnung, etc.). Wer immer in kleinen Räumen, verliert das Erleben von Weite als räumliches Erleben. Sichtbar wird das dort, wo räumliche Wahrnehmung wie das Abschätzen von Distanzen verloren geht. Landbevölkerung ist räumlich anders zugeordnet: man ist mehr draußen, in der Weite.
- Die Art des Medienkonsums fördert und verstärkt unsere Fähigkeit zum bildhaften Wahrnehmen. Bilder funktionieren über gemeinsame Erlebnisse der Betrachter. Mit dem Bild werden Erinnerungen hervorgerufen (auch Erinnerungen von räumlichen Erfahrungen). Wenn wir Bilder sehen, lesen wir sie schnell als Raumwahrnehmung. Eine Reflektion über diese beschränkte Wahrnehmungsart ist oft nicht vorhanden.
- Das zweidimensionale Raumerleben führt zur Suche nach einer Erweiterung der Wahrnehmung. Beispiel in der Architektur sind die ‘Fünf Höfe’ in München: Eine kühle Nähe wird inszeniert, es gibt begehbare Bilder, tröpfelndes Wasser, Wände, die miteinander in Beziehung treten.
- Die Distanziertheit in der Architektur wird vielfach mit Unveränderlichkeit gleichgesetzt. Unveränderlichkeit (=Beständigkeit) wird in unserer Gesellschaft mit einem hohen Wert belegt. Gleichzeitig verhindert die Unveränderlichkeit eines Elementes seine Aneignung, da es nur betrachtet werden kann.
- Architektur muß als Medium angelegt sein und nicht als Objekt.
Das Buch zum Thema:
Franz Xaver Baier, „Raum: zu einer Architektur des gelebten Raumes“, Köln 2000 (Verlag
der Buchhandlung Walther König)